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Das mykenische Griechisch ist die ältest bezeugte Stufe (zwischen dem 16. und dem 11. Jahrhundert v. Chr.) der griechischen Sprache. Überliefert ist es duch Inschriften geschrieben in der Silbenschrift Linear B in der Hauptsache auf Tontafeln, die aus den mykenischen Palastarchiven (Knossos, Pylos u.a.) stammen.

EntzifferungBearbeiten

Die bereits seit dem Anfang des 20. Jh.s bekannten Inschriften in Linear B wurden vor 1952 zumeist den nicht-indogermanischen Minoern zugerechnet. Erst durch die Entzifferung in 1952 durch Michael Ventris und John Chadwick wurde deutlich, dass es sich bei der in ihnen dokumentierte Sprache um eine frühe Form des Griechischen handelt.

Überlieferung Bearbeiten

Das mykenische Textkorpus ist überwiegend auf Tontafeln (auch Tonetiketten und Tonklümpchen) überliefert (ca. 5730), die übrigen Inschriften sind auf Tonvasenscherben (ca. 170), auf Elfenbein (1) und auf Kieselstein (1). Es ist an sechzehn verschiedenen Örtlichkeiten Griechenlands gefunden worden:

  1. auf der Insel Kreta in Knossos, Mallia, Armeni, Khania und Mamelouko
  2. auf dem Peleponnes in Pylos, Mykene, Tiryns, Midea und Olympia
  3. in Mittelgriechenland in Eleusis, Theben, Orkhomenos, Gla, Kreusis und Medeon

Die bedeutendsten Fundorte sind:

  1. Knossos KN, ca. 4360 Tafeln (myk. ko-no-so /Knōsos/)
  2. Pylos PY, 1087 Tafeln (myk. pu-ro /Pulos/)
  3. Theben (Böotien) TH, 337 Tafeln (myk. te-qa /Thēgwai/)
  4. Mykene MY, 73 Tafeln
  5. Tiryns TI, 27 Tafeln
  6. Chania KH, 4 Tafeln (myk. ku-do-ni-ja /Kudōnia/)

Bei den Tontafeln werden nach der Form zwei Arten unterschieden:

  1. Kleinere Täfelchen, die nach ihrer Form ‚Palmblatttafel‘ genannt werden
  2. Größere, rechteckige Täfelchen, die nach ihrer Form ‚Seitentafel‘ genannt werden

Orthographie und Phonologie Bearbeiten

Die Linearschrift B ist eine Silbenschrift mit knapp über 90 Silbenzeichen und ca. 150 Logogrammen bzw. Piktogrammen (Einzelzeichen mit Wortbedeutung). Von 73 Silbenzeichen steht der Lautwert fest, von einigen weiteren ist dieser mehr oder weniger allgemein akzeptiert, von einigen jedoch unbekannt. Die Linearschrift B stammt von der noch nicht entzifferten Linearschrift A ab, die für die nicht verwandte minoische Sprache verwendet wurde. Der griechische Lautstand lässt sich mit dieser Schrift nur ungenau wiedergeben, da die Zeichen entweder bloße Vokale oder Silben mit dem Lautwert Konsonant + Vokal repräsentieren. Nur in einigen wenigen Fällen kommt der Lautwert Konsonant + Konsonant + Vokal vor. Konsonantenhäufungen können daher in der Regel schlecht, Konsonanten im Silbenauslaut gar nicht wiedergegeben werden: Das Wort für „Stall“, *stathmos, wurde ta-to-mo geschrieben. Außerdem wird weder zwischen r und l noch zwischen stimmhaften (z. B. b), stimmlosen (z. B. p) und aspirierten (z. B. ph) Verschlusslauten unterschieden.

Die Ungenauigkeit der Schrift erschwert die Lesung der mykenischen Texte. Beispielsweise kann das Wort pa-te entweder für /pantes/ ‚alle’ oder /patēr/ ‚Vater’ stehen.

Von den restlichen griechischen Dialekten unterscheidet sich das Mykenische in phonologischer Hinsicht:

  1. Urgriech. *ā ist erhalten geblieben (myk. da-mo /dāmos/ ‚Gemeinde’ : gr. δήμος 'Volk'; myk. a-ta-na /Athānā/ ‚Athene’ : gr. Ἀθήνη)
  2. Vokalkontraktionen sind noch nicht eingetreten (myk. do-e-ro /do(h)elos/ ‚Diener’ : gr. δούλος)
  3. Urgriech. *u̯ ist erhalten geblieben (myk. wa-na-ka /wanaks/ ‚Herr(scher)’ : gr. ἄναξ; myk. ko-wo /korwos/ ‚Jüngling’ : gr. att. κόρος, ion. κούρος)
  4. Die urgriech. Labiovelare sind in der Regel erhalten geblieben (-qe /-ku̯e/ ‚und’ : gr. τε; myk. (nom.pl.) a-pi-qo-ro /ampiku̯oloi/ ‚Dienerin’ : gr. ἀμφιπολος)

Mykenisch und Altgriechisch Bearbeiten

Das mykenische Griechisch ist wesentlich altertümlicher als das Altgriechische:

  • Die Labiovelare sind noch erhalten und werden in der Linear-B-Schrift mit dem Zeichen q wiedergegeben
Beispiel: mykenisch qa-si-re-u , qo-u , -qe gegenüber altgriechisch βασιλεύς ‚König’, βοῦς ‚Rind’, -τε ‚und’
  • Der w-Laut (Digamma) ist noch erhalten. Im Altgriechischen ist er in den meisten Dialekten geschwunden.
Beispiel: mykenisch we-ko, e-ra-wa gegenüber altgriechisch ἔργον ‚Werk’, ἐλαία ‚Olive’

Die Sprache Homers steht dem mykenischen Griechisch in mancher Hinsicht näher.

  • Formenlehre: Der Genitiv der o-Stämme endet auf -o-jo bzw. -οιο
  • Wortschatz: Mykenisch wa-na-ka, bei Homer ἄναξ ‚Fürst’


Literatur Bearbeiten

Wörterbuch

  • Diccionario Micénico, Volumen I [A–N]. Redactado por Francisco Aura Jorro bajo la dirección de Francisco Rodríguez Adrados (Diccionario Griego-Español, Anejo I). Madrid, CSIC, 1985, ISBN 84-00-06128-4
  • Diccionario Micénico, Volumen II [O–Z]. Redactado por Francisco Aura Jorro bajo la dirección de Francisco Rodríguez Adrados (Diccionario Griego-Español, Anejo II). Madrid, CSIC, 1993, ISBN 84-00-07327-4

Studien

  • Antonín Bartoněk: Die Erforschung des Verhältnisses des mykenischen Griechisch zur homerischen Sprachform, In: Joachim Latacz (Hrsg.): Zweihundert Jahre Homer-Forschung. Rückblick und Ausblick. Teubner, Stuttgart u. a. 1991, ISBN 3-519-07412-5, (Colloquium Rauricum 2), (Vorträge zweiten Colloquium Rauricum, 16. bis 19. August 1989 in Augst), Text (HTML; 44 KB).
  • Antonín Bartoněk: Handbuch des mykenischen Griechisch. C. Winter, Heidelberg 2003. ISBN 3-8253-1435-9, (Indogermanische Bibliothek Reihe 1).
  • Lydia Baumbach: The Mycenaean Greek Vocabulary II. In: Glotta 49, 1971, Vorlage:ISSN, S. 151-190.
  • John Chadwick: The decipherment of linear B. Cambridge University Press, London 1958, (Deutsch: Linear B. Die Entzifferung der mykenischen Schrift. Mit einem Nachwort des Verfassers zur deutschen Ausgabe. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1959).
  • John Chadwick / Lydia Baumbach: The Mycenaean Greek Vocabulary. In: Glotta 41, 1963, Vorlage:ISSN, S. 157-271.
  • Sigrid Deger-Jalkotzky (Hrsg.): Die neuen Linear-B-Texte aus Theben. Ihr Aufschlusswert für die mykenische Sprache und Kultur. Akten des internationalen Forschungskolloquiums an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 5. - 6. Dezember 2002. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2006, ISBN 3-7001-3640-4, (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Denkschriften, Philosophisch-Historische Klasse 338, Vorlage:ISSN), (Veröffentlichungen der Mykenischen Kommission 23), (Mykenische Studien 19), Inhalt.
  • Alfred Heubeck: Aus der Welt der frühgriechischen Lineartafeln. Eine kurze Einführung in Grundlagen, Aufgaben und Ergebnisse der Mykenologie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1966, (Studienhefte zur Altertumswissenschaft 12).
  • Stefan Hiller / Oswald Panagl: Die frühgriechischen Texte aus mykenischer Zeit. 2. Durchgesehene Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986, ISBN 3-534-06820-3, (Erträge der Forschung 49, Vorlage:ISSN).
  • James Thomas Hooker: Linear B. An Introduction. Reprinted. Bristol Classical Press u. a., Bristol 2001, ISBN 0-906515-62-9.
  • Leonard Robert Palmer: The Interpretation of Mycenaean Greek Texts. Clarendon Press, Oxford 1963.
  • Cornelis Jord Ruijgh: Études sur la grammaire et le vocabulaire du grec mycénien. Hakkert, Amsterdam 1967.
  • Michael Ventris: Documents in Mycenaean Greek. Second edition by John Chadwick. Cambridge University Press, London 1973, ISBN 0-521-08558-6.

Weblinks Bearbeiten

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