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Die gotische Schrift ist die von Wulfila erschaffene Schrift, in der die meisten gotischen Schriftdenkmäler geschrieben sind.

AllgemeinesBearbeiten

Die gotische Schrift ist nach den Angaben der gr. Kirchenhistoriker Philostorgius, Sokrates und Sozomenos (sämtlich 4./5. Jh.) von dem got. Bischof Wulfila zur Aufzeichnung seiner Bibelübersetzung erschaffen. Sämtliche gotischen Denkmäler mit Ausnahme der Runeninschriften, der Personennamen in antiker Überlieferung und den Wörtern in dem lat. Gedicht de conviviis barbaris, sind zwei unterschiedlichen Varianten einer alphabetischen Schrift geschrieben. Beide lassen sich paläographisch auf eine Grundform zurückführen, die wegen den genannten Nachrichten Wulfila zu geschrieben wird (die Schrift wird daher auch als Wulfilas Schrift [Alphabet] bezeichnet).

SchrifttypenBearbeiten

Die in den einzelnen Handschriften belegten Varianten können anhand zweier Kriterien in zwei Typen unterteilt werden:

  • Der eine Typ verwendet die Nasalkürzung nach gr. Art nur für n und hat des weiteren ein s, dessen Form dem ε-förmigen Sigma entspricht; daher wird dieser Typ auch als Σ-Typ bezeichnet.
  • Der andere Typ verwendet die Nasalkürzung nach lat. Art sowohl für n als für m und hat ein s, dessen Form dem des lat. unzialen s entspricht; daher wird dieser Typ auch als S-Typ bezeichnet.

Die Verteilung beider Typen in den Hss. ist folgendermaßen:

  • Der Σ-Typ liegt vor in:
    • Die Alphabete der Codices Ambrosiani B, D und vermutlich auch der Veronenser Hs.;
    • Die Alphabete der Marginalien der Codices Ambrosiani A, B;
    • Das erste Alphabet auf fol. 20v des Codex Vindobonensis 795 (sog. Wiener Alphabet);
    • Das Alphabet der Urkunde von Neapel (vermutlich auch das der Urkunde von Arezzo, die allerdings verloren ist).
  • Der S Typ liegt vor in: Codex Argenteus, Carolinus, Gissensis, Ambrosiani A, C, E, Taurinensis und Vaticanus Latinus 5750.

Das AlphabetBearbeiten

Die nachfolgende Tabelle gibt a. den Zahlenwert der einzelnen Buchstaben, b. ein standardisiertes Alphabet, c. die lateinische Transkription, d. und e. Hinweise auf die Aussprache:

a. b. c. d. e.
1 𐌰 a [a] wie a in nhd. Kamm
[aː] wie a in nhd. Vater
2 𐌱 b [β] wie v in span. la vuelta inlautend nach Vokal oder Diphthong
[b] wie b in nhd. Ball überall sonst
3 𐌲 g [ŋ], wie n in nhd. singen vor k, g, q
[ɣ], wie g in nhd. dial. (westfälisch) Wagen im Auslaut und vor s, t
[g], wie g in nhd. Gott überall sonst
4 𐌳 d [ð], wie th in engl. there inlautend nach Vokal oder Diphthong
[d], wie d in nhd. dann überall sonst
5 𐌴 e [eː] wie e in nhd. leben
6 𐌵 q [kw], wie qu in engl.quick
7 𐌶 z [z], wie s in nhd. Sahne
8 𐌷 h [h], wie h in nhd. Hall
([χ], wie ch in nhd. hoch) ob es diese Lautung im Got. noch gab, ist umstritten
9 𐌸 þ [θ], wie th in engl. theft
10 𐌹, 𐌹̈ i [ɪ], wie i in nhd. Mitte
20 𐌺 k [k], wie k in nhd. kalt
30 𐌻 l [l], wie l in nhd. Latte
40 𐌼 m [m], wie m in nhd. Matte
50 𐌽 n [n], wie n in nhd. nass
60 𐌾 j [j], wie j in nhd. jäh
70 𐌿 u [ʊ], wie u in nhd. und
[uː], wie u in nhd. tun
80 𐍀 p [p], wie p in nhd. Pass
90 𐍁 nur als Zahlzeichen vorhanden
100 𐍂 r [r], wie r in nhd. Rippe
200 𐍃 s [s], wie ss in nhd. Nuss
300 𐍄 t [t], wie t in nhd. alt
400 𐍅 w [w], wie w in engl. wind
[y], wie ü in nhd. Nüsse
500 𐍆 f [f], wie f in nhd. Haft
600 𐍇 x [χ], wie ch in nhd. Bach
700 𐍈 ƕ [hw], wie XXX
800 𐍉 o [oː], wie oo in nhd. Boot
900 𐍊 nur als Zahlzeichen vorhanden

Die BuchstabennamenBearbeiten

Die got. Buchstabennamen sind nur im Codex Vindobonensis 795 fol. 20v überliefert. Ihre Lautgestalt ist nicht klassisches, wulfilanisches Gotisch, sondern ein Spätgotisch, das in der gallo‑lateinischen Schrifttradition geschrieben ist:

Name Erklärung
aza got. ansus* ‚Ase‘ > (mit spätostgerm. Übergang von unbetontem u zu a) *ansas > (mit vulgärlat. Schwund von n vor s und gall.-lat. Schreibung von z für s) *azaz > (mit fehlerhafter Weglassung von z unter Angleichung am Ausgang a in bercna) aza
bercna got. bairkana* ‚Birke‘ (mit Synkope im rom. Raum) > bercna
geuua got. giba ‚Gabe‘ > (mit rom. Senkung von i zu e und uu zur Wiedergabe eines stimmhaften Reibelauts [ƀ]) > geuua
daaz got. dags ‚Tag‘ > (mit Vokallänge wegen des g-Schwunds) daaz
eyz got. aiƕs* ‚Pferd‘ > (mit rom. Schwund von h und gall.-lat. Schreibung von z für s) eyz
quertra got. *qairþra ‚Köder‘ (?) > (mit rom. Wiedergabe von þ mit t) quertra
ezec mit Verschreibung für +ezet, eigtl. die Bezeichnung des lat. Buchstabens z (gall.-rom. *idzēta aus gr. ζῆτα)
haal got. hagl* ‚Hagel‘ > (mit Schwund von g aber Bewahrung von h wegen des akrophonischen Prinzips) haal
thyth got. þiuþ ‚das Gute‘ > (mit Bewahrung von þ wegen des akrophonischen Prinzips) thyth
iiz got. eis* ‚Eis‘ > (mit Doppelschreibung für Länge in geschlossener Silbe und gall.-lat. Schreibung von z für s) iiz
chozma got. kusma* ‚Geschwür‘ > (mit rom. Senkung von u zu o und gall.-lat. Schreibung von z für s) chozma
laaz got. lagus* ‚Wasser‘ > (mit spätostgerm. Übergang von unbetontem u zu a) *lagas > (mit Schwund von g und gall.-lat. Schreibung von z für s) laaz
manna got. manna ‚Mensch‘
noicz got. nauþs ‚Not‘ > (mit rom. oi als Umsetzung von ō aus au und cz als rom. Wiedergabe der Affrikata) noicz
gaar got. jēr* (spätgot. *jīr) ‚Jahr‘ > (mit Vokalersatz aus ahd. jār und Doppelschreibung für Länge) gaar
uraz got. ūrus* ‚Auerochs‘ > (mit spätostgerm. Übergang von unbetontem u zu a und gall.-lat. Schreibung von z für s) uraz
pertra got. *pairþra (?) ‚?‘ > (mit rom. Wiedergabe von þ mit t) pertra
reda got. raida* ‚Wagen‘ > (mit spätgot. Monophthongierung von ai zu e) reda
sugil got. sauil ‚Sonne‘ > (mit hiattilgendem j , das rom. vor palatalem Vokal mit g geschrieben wird und Erhaltung von s [anstelle von sonstigem z] wegen des akrophonischen Prinzips) sugil
tyz got. teiws* ‚Gott‘ > (mit gall.-lat. Schreibung von z für s) tyz
uuinne got. winja* ‚Weideplatz‘ > (mit komplettem Ersatz durch die ahd. Entsprechung) uuinne
fe got. faihu* ‚Vieh, Besitz‘ > *fea > (mit Abfall des auslautenden a wegen der ungewöhnlichen Lautkombination) fe
enguz got. iggws* ‚Mann‘ > (mit rom. Senkung von i zu e) enguz
uuaer got. ƕair* ‚Kessel‘ > (mit Vernachlässigung des akrophonischen Prinzips, so dass zu uuinne kein Unterschied besteht) uuaer
utal got. ōþal* ‚Erbbesitz‘ (mit u aus ō und rom. Wiedergabe von þ mit t) utal

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